arno steinwender
Der Autor führt durch „Ganz Wien“

Wien bleibt Wien – und das geschieht ihm ganz recht

„Ich bin aus Wien.“ – Dieser einfache Satz in einem Gespräch reicht in vielen Teilen der Welt aus, um die Neugier des Gegenübers zu wecken und vor allem zahlreiche Klischees zu bedienen: Wien, das ist die Stadt, in der erst seit kurzem kein Kaiser mehr regiert, wo die Damen in langen Ballkleidern einkaufen gehen und die Herren mit dem Fiaker ins Altwiener Kaffeehaus fahren, wo sie bei einem „kleinen Braunen“ und einer Zigarette (Wien ist anders – auch als die EU) über Psychoanalytik philosophieren. Auf der Straße kann man nicht nur Sissi-Imitatorinnen, Kommissar Rex, Mozart und manchmal sogar Beethoven und Arnold Schwarzenegger treffen.

Und wann trifft man schon so ein waschechtes Exemplar, so einen richtigen Wiener? Man sagt ihnen nach, dass sie gemütlich, verträumt, ein wenig melancholisch, liebenswert und unhöflich zugleich sind und eigentlich dauernd über alles und jeden raunzen.

Eine Dame begrüßen sie standesgemäß mit einem Handkuss und überreichen ihr dazu einen dem Anlass angemessenen Blumenstrauß oder bringen zumindest ein Packerl Mannerschnitten mit. Da ich fast allen Clichés entspreche, dürfte es ein leichtes sein mich auf der nächsten Spielemesse zu finden, während ich zwischen den Ständen Linkswalzer tanze.

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Geh lass da halt a´mal a lustigs´ Spiel einfallen

Ich brachte also die idealen Voraussetzungen mit, um mich einer Herausforderung zu stellen, die an mich herangetragen wurde: „Entwickle ein lustiges Spiel, das die Sehenswürdigkeiten und die Schönheit der Stadt zur Geltung bringt und das öffentliche Verkehrsnetz mit ins Spiel einbindet“.

In meinem Kopf sprudelten die Ideen und ich machte mich mit viel Euphorie daran, die ersten Skribbles zu Papier zu bringen. Schnell war mir klar, dass mir „Ganz Wien“ einiges an Kreativität und Hirnarbeit abverlangen würde. Wie bitte soll man ein riesiges Verkehrsnetz der Wiener Linien, welches unter anderem das sechstgrößte Straßenbahn-Netz der Welt vorweisen kann sowie dutzende oder gar hunderte Sehenswürdigkeiten in ein kurzweiliges Spiel einbauen? Noch dazu, wo sich die meisten historischen Gebäude in der Mitte des Plans drängen, in einigen Bezirken allerdings nur bei genauerem Hinsehen.
Pläne über Pläne wurden gezeichnet und wieder verworfen und immer weiter musste ich auf das Wesentliche reduzieren. In zahlreichen Diskussionen mit Anita Landgraf (Agentur White Castle) kristallisierte sich schließlich die Streckenführung, die in weiten Teilen dem echten Netz entspricht, und die Auswahl der Sehenswürdigkeiten heraus. Unzählige Testrunden, Regeladaptionen und Detailverbesserungen folgten, bis das Spiel schließlich so richtig Spaß machte. Christian Opperer illustrierte anschließend den Spielplan und das Schachtelcover mit sehr viel Liebe zum Detail. Vor der Hofburg kann man die beiden Reiterstatuen erkennen, im Stadtpark sieht man das Johann Strauß Denkmal und sogar die Enzies im Museumsquartier sind am Plan zu finden. Man könnte fast auf die Idee kommen, das Spiel als Orientierungshilfe für seinen Wien-Besuch zu verwenden, oder?

Mit der Spieleschachtel auf Entdeckungstour

Da ich gerade eine druckfrische Spielschachtel bei der Hand und Gusto auf einen Kaffee hatte, beschloss ich also kurzerhand meiner Agentin einen Besuch abzustatten und anschließend eine kleine Rundfahrt durch meine Heimatstadt zu machen. “Ganz Wien” unter den Arm geklemmt, machte ich mich also auf den Weg ins Museumsquartier.

Natürlich blieb es nicht bei der obligatorischen Melange und der Kaffeetisch wurde einfach als Spieltisch umfunktioniert. Auch nach unzähligen Testrunden im Prototyp-Stadium haben wir jedes Mal wieder eine Reisengaudi mit “Ganz Wien”.

Da mir Anita mehrfach eine „Stromausfall“-Karte unter die Nase hielt, spazierte ich nach unserem Treffen an Maria Theresia vorbei und nahm schließlich einen Fiaker zum Karlsplatz. Von dort ging es mit der U1 weiter bis zum Stephansdom. Bei einer Fahrt mit dem Riesenrad, bei der ich nicht nur mein schönes Wien von oben betrachtete, stellte ich abermals fest, wie detailgetreu die Grafik von Christian Opperer geworden ist. Einfach schön!

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Danach brachte mich der O-Wagen und der 1er zum Hundertwasserhaus, welches ja auch das Schachtelcover ziert. Zum Abschluss meiner kleinen Wien-Tour stattete ich mit dem 80A noch dem neu gestalteten Verkehrsmuseum Remise einen Besucht ab.

Eigentlich wollte ich ja noch in die Staatsoper, ein Bier in den Stadtbahnbögen trinken, danach in die U4-Disco tanzen gehen und anschließend mit den Nightlines nach Hause fahren. Aber das mache ich erst am Samstag. Wien an einem Tag zu entdecken ist sowieso ein auswegloses Unterfangen. Wer erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, wird Wien immer wieder entdecken wollen. Bei “Ganz Wien” ist es ähnlich – einmal (spielen) ist einfach viel zu wenig.

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