arno steinwender

1. Kannst du dich an dein erstes Spiel erinnern?

Wenn ich ganz hinten in meinen Erinnerungen krame, waren meine ersten Spiele Domino, Memory und Rummy. Ich hatte das Glück zwei Omas mit viel Zeit und Liebe zu haben. Bis ich etwa zehn Jahre alt war, kam fast jeden Tag eine von Ihnen zu Besuch und wir haben am Küchentisch gespielt und viel Spaß dabei gehabt. Ich war anscheinend ein sehr schlaues Kind, denn ich habe überdurchschnittlich oft gewonnen … oder haben sie mich etwa immer gewinnen lassen? Ich spiele auch heute noch gerne hin und wieder Rummy und denke dabei gerne an meine Kindheit zurück. Meinen Vater habe ich dann auch recht bald zum Schach herausgefordert. Wir sind unzählige Stunden in seinem Arbeitszimmer gesessen und er hat geduldig mit mir gespielt oder besser gesagt, mir das Spiel beigebracht.

Eines der ersten Autorenspiele an das ich mich erinnere war „Im Räuberwald“ von Olaf Olsen bei Ravensburger. Ein einfaches Würfellaufspiel, das mir damals sehr viel Spaß gemacht hat. Vielleicht, weil es in meiner Kindheit noch nicht so viele Spiele gab wie in heutigen Kinderzimmern, auf jeden Fall aber wegen der comic-artigen Illustrationen, die dem Spiel einen witzigen Touch gaben. Am Cover war ein dichter Wald zu sehen, wo hinter einem dicken Baumstamm drei „grimmige“ Räuber hervorblickten. Obwohl sie Pistolen (das war damals noch okay bei einem Kinderspiel) und Knüppel in der Hand hielten sahen sie gar nicht so gefährlich aus, mit ihren dicken Knubbel-Nasen und bunten Hüten. Auch am Spielfeld konnte man überall sympathische und gar nicht so böse Wegelagerer entdecken. Irgendwo müsste ich das sogar noch in einem Schrank stehen haben … sollte ich mal wieder spielen.

2. Wenn du eine Spielidee hast, was machst du zuerst?

postitMeist mache ich als erstes eine Notiz in mein Smartphone oder Tablet oder nutze Notizzetteln der Umgebung, wie Servietten, Tischtücher oder Ähnliches, um die Idee festzuhalten. Oft lässt mich die Idee dann aber nicht gleich los und dann kann es schon passieren, dass ich mitten in der Nacht einen ersten Prototypen bastle. Das muss sein, schlafen kann ich dann meistens sowieso nicht. Manchmal ist das wie ein Fluch. Sobald eine Idee zu Papier oder zum Prototypen gebracht wurde, zack ist auch schon der nächste Einfall da und will geboren werden. Egal, ob das gerade in meinen Tagesplan passt oder nicht.

Aus irgendeinem Grund stand vor einigen Jahren ein grüner Blumen-Steckschwamm auf meinem Tisch. Da bei mir sowieso überall Würfel und andere Spielmaterialien herumliegen, drückte ich ein paar Würfel in den Schwamm und die „Kylix“ war geboren. Was ich mit dieser Art Würfelbecher anfangen konnte war mir Anfangs aber nicht ganz klar und so entwickelte ich ein Knobelspiel, bei dem es auf die Anordnung der Würfel ankam. Wirklicher Spielspaß kam dabei aber nicht auf, dafür aber Wilfried Lepuschitz mit aufs (Wikinger)-Boot und es entstand das Spiel „Erik der Rote“, das viel taktischer ausgelegt war und die „Kylix“ als Antriebsmechanismus verwendete. Zahlreiche Testrunden und Prototypen später entwickelten wir das Spiel schließlich weiter, bis „Deukalion“ daraus hervorging, welches bei Hasbro erschien und 2008 den Österreichischen Spielepreis „Spiel der Spiele – Spielehit für Familien“ erhielt.

Bei „Take it or leave it“ entwickelte sich alles wesentlich schneller. Ich saß mit Christoph Puhl bei einem Kaffee, würfelte eine Handvoll Würfel und meinte „Lass uns ein Spiel machen! Ich nehme einfach einmal einen Würfel weg … was nun?“. Die restliche Grundidee entstand dann in den folgenden 60 Minuten bei einem verbalen Schlagabtausch.

Auftragsarbeiten erfordern aber eine andere Herangehensweise, da hier viel mehr Vorgaben zu berücksichtigen sind. Da helfen mir mitunter Mindmaps oder „gedankenverlorenes“ Kritzeln zu der Themenwelt des Spiels weiter. Gegen Wände starren und mit Druck eine Idee erzwingen wollen funktioniert einfach nicht.

3. Welches Spiel – das es schon gibt – hättest du gern selbst erfunden?

Da gibt es einige. „Die Siedler von Catan“ (Klaus Teuber, Kosmos), weil sie mich als Erwachsener wieder zum Spielen gebracht und der ganzen Szene neue Impulse gegeben haben. Oder „Nobody is perfect“ (Bertram Kaes, Ravensburger), eines meiner Lieblingsspiele, weil das wichtigste Spielzubehör hier die Kreativität der Spieler ist. Auch Bohnanza (Uwe Rosenberger, Amigo), weil es meinen Zugang zu Kartenspielen neu definiert hat. Und Carcassonne (Klaus Jürgen Wrede, Hans im Glück Spiele), weil es für mein persönliches Spielerlebnis genau die richtige Balance zwischen Regelleichtigkeit und Anspruch hat.

4. Wenn du als Spielfigur in einem Spiel auftauchen würdest, was wärst du dann?

Da möchte ich mich nicht festlegen. Das wundervolle an Spielen ist ja gerade, dass man mit jedem Spiel in einen neuen Charakter schlüpfen oder andere Welten eintauchen kann. Man schlüpft in Rollen, die man im echten Leben nie ausfüllen wird oder will. Mal bin ich gerne ein Eisenbahn-Tycoon, der großzügig Schienenstränge durch ganze Kontinente zieht, dann wieder lieber Zocker, der ohne Wimpernzucken alles auf eine Karte setzt, ein Vogel, der sich die fettesten Bratwürmer vom Grill pickt, ein Schauspieler, der pantomimisch berühmte Persönlichkeiten darstellt oder ein verliebter Brautwerber, der das Herz der Prinzessin erobern will. Eine meiner Lieblingsrollen ist aber ein Werwolf von Düsterwald zu sein. Am Tag bin ich dann der vertrauenswürdigste Bürger, ohne den das Dorf nicht auskommen möchte und in der Nacht beiße ich gnadenlos zu.

5. Wenn Geld keine Rolle spielt, …

…dann wäre ich vielleicht einer der glücklichsten Autoren, den man sich vorstellen kann. Denn dann könnte ich zahlreiche tolle Spiele realisieren, die an den Produktionskosten scheiterten. Viele meiner Ideen haben es nicht in die Verkaufsregale geschafft, weil das Endprodukt über 25 oder 30 Euro gekostet hätte. Viel mehr wollen die meisten Käufer mittlerweile nicht mehr für ein Spiel ausgeben und der Preisdruck ist teilweise sehr spürbar. Da blutet mir als Autor das Herz.

Ich habe einige Spiele in der Schublade liegen, die mich seit Jahren begleiten. „Goldrausch“ (Arbeitstitel) ist eines davon. Das zentrale Element des Spieles ist ein genial einfaches Gimmick mit einem tollen Überraschungseffekt. Das Spiel begeisterte mittlerweile in sechs unterschiedlichen Versionen Redakteure vieler Verlage. Letztlich kam aber immer das Feedback: „Sehr cooles Gimmick, aber leider zu teuer in der Produktion.“

Für ein anderes Spiel habe ich in den letzten Jahren virtuell halb China durchgesucht, um eine günstige Produktionsalternative für eine verrückte Kuh zu finden, die eine Hauptrolle in einem meiner Konzepte spielt. Aber ich gebe nicht auf und überarbeite „Goldrausch“ eben ein siebentes Mal – und die „Kuh meiner Träume“ werde ich auch noch finden.

6. Beschreib dich in 3 Sätzen

  • Ein Leben ohne Spielen (damit meine ich mit realen Menschen zusammensitzen und spielen) ist für mich nicht oder nur sehr trostlos vorstellbar, weshalb ich fast täglich bereits erschienene Spiele oder eigene Prototypen spiele.
  • Ich habe mir die Neugier und den Spieltrieb eines Kindes behalten, gleichzeitig aber den Ehrgeiz und Durchhaltewillen eines Profisportlers entwickelt.
  • Ich folge meinem Traum: möglichst vielen Kindern, Familien und Erwachsenen mit meinen Spielen an einen Tisch zu bringen und Freude zu bereiten.

7. Welche Gabe hättest du gern?

Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit den Gaben die mir geschenkt wurden. Wenn ich mir aber eine Superheldenfähigkeit aussuchen müsste, dann wäre ich gerne so schnell wie Daphne Millbrook aus der TV-Serie Heroes. Sie kann sich mit Überschallgeschwindigkeit bewegen, was es mir wesentlich leichter machen würde, die vielen Spielideen aus meinem Kopf in einen Prototypen zu verwandeln. Derzeit muss ich leider oft Ideen hinten anstellen, da ich auch als Lehrer arbeite und hier oft viel zu tun ist.

Zeitreisen würde mich auch sehr reizen, allerdings hätte ich da doch zu viel Angst einen Riss in der Raumzeit zu hinterlassen oder auf ein Großvater-Paradoxon zu stoßen.

Weitere Fragen:

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making ideas happen